Das freie Spiel hat in meiner Kindertagespflege einen besonders hohen Stellenwert, weil
es für Kinder im Alter von ein bis drei Jahren eine der wichtigsten Lernformen überhaupt ist. Im freien Spiel verarbeiten Kinder ihre Erlebnisse, entwickeln Fantasie und Kreativität, üben sich in Selbstständigkeit und bauen Schritt für Schritt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten auf. Sie lernen dabei nicht „nach Plan“, sondern aus eigener Motivation heraus – und genau das macht freies Spiel so wertvoll.
Kinder entscheiden selbst, womit sie sich beschäftigen, wie lange sie bei etwas bleiben und wann und wie sie Neues ausprobieren möchten. So entstehen echte Lernprozesse, die zu ihnen passen. Für mich gilt dabei ganz klar der Grundsatz: Weniger ist mehr. Ein Zuviel an Material, ein ständiges Eingreifen oder ein Überangebot an Impulsen kann Kinder schnell überfordern oder sie aus ihrem eigenen Spielprozess herausbringen.
Deshalb achte ich bewusst auf eine ruhige, überschaubare Umgebung und darauf, dass die Kinder genügend Zeit und Raum haben, in ihr Spiel einzutauchen. Gerade kleine
Kinder brauchen Wiederholung, Verlässlichkeit und die Möglichkeit, Dinge immer wieder auszuprobieren, um Sicherheit zu gewinnen und sich weiterzuentwickeln. Im freien Spiel ist meine Rolle nicht, ständig zu lenken oder vorzugeben, sondern aufmerksam zu beobachten, präsent zu sein und dann zu unterstützen, wenn ein Kind mich braucht. Das bedeutet für mich auch, mich bewusst zurückzunehmen und den Kindern zuzutrauen, eigene Lösungen zu finden. Gleichzeitig begleite ich feinfühlig, wenn Kinder Orientierung benötigen, wenn Konflikte entstehen oder wenn ein Kind Unterstützung sucht, um in der Gruppe seinen Platz zu finden. So wird freies Spiel zu einem Raum, in dem jedes Kind dazugehören kann – unabhängig davon, wie aktiv, vorsichtig, sprachlich stark oder zurückhaltend es gerade ist. In meiner Weiterbildung im Bereich inklusive Kindertagespflege bin ich außerdem mit dem Ansatz Marte Meo in Kontakt gekommen. Ich habe keine Marte-Meo-Ausbildung, empfinde den Grundgedanken jedoch als sehr bereichernd für meinen pädagogischen Alltag. Marte Meo bedeutet sinngemäß „aus eigener Kraft“ und beschreibt eine Haltung, die Kinder in ihrer Entwicklung stärkt, indem Erwachsene genau hinschauen: Was zeigt das Kind? Was braucht es gerade? Wie kann ich es durch kleine, passende Impulse unterstützen, ohne es zu überfordern oder zu übernehmen? Besonders wertvoll finde ich dabei den Blick auf gelingende Momente im Alltag – also darauf, was ein Kind schon kann, wie es Kontakt aufnimmt, wie es kommuniziert und welche kleinen Signale es sendet. Diesen Gedanken nehme ich bewusst in mein Freispielangebot mit. Ich beobachte aufmerksam, gebe den Kindern Zeit, nehme Blickkontakt und Signale wahr, benenne bei Bedarf das, was gerade passiert, und unterstütze Kinder dabei, in Interaktion zu kommen oder im Spiel zu bleiben. So entsteht eine Atmosphäre, in der Kinder sich gesehen fühlen und lernen dürfen: Meine Ideen sind wichtig. Ich werde verstanden. Ich kann mitmachen. Genau dadurch wird das freie Spiel zu einem besonders inklusiven Lernraum, weil jedes Kind gemäß seiner individuellen Entwickling wachsen kann und ihm Unterstützung zuteil wird wenn diese angebracht ist.
